
Papst Johannes Paul II. und die Beziehungen zwischen der Orthodoxen und der Römisch-Katholischen Kirche vor, während und nach seinem Pontifikat
Am 2. April 2005 verstarb Papst Johannes Paul II. Die ganze Welt hat mit Respekt den langjährigen Kampf dieses alten, ehrwürdigen Mannes für das Leben, durch seine Krankheit, beobachtet. Deswegen hat sein Tod eine Welle von Sympathie ausgelöst.
Auch für mich persönlich ist der Tod des Papstes ein Anlass gewesen, sich mit sein Leben, sein Engagement, mit seiner Persönlichkeit zu beschäftigen. Ich war selber positiv überrascht worden! Ich habe festgestellt, dass seine Heiligkeit ein großer Mann, gewachsen an den Erfordernissen und den Herausforderungen der Zeit gewesen ist, ein vor allem frommer und gläubiger Mensch, der ein reiches an Erfahrung und bewegtes Leben gelebt hat.
„Das Christentum muss mit zwei Lungenflügeln atmen, dem östlichen und dem westlichen. Diese Metapher, die von dem russischen Dichter Vjatscheslav Ivanov stammt und auf die Weltsicht Vladimir Solovevs zurückgeht, ist in katholischen Kreisen sehr beliebt. Sie wurde vom verstorbenen Papst Johannes Paul II. in seinen öffentlichen Ansprachen benutzt. Heute wird Ivanovs Metapher häufig mit Bezug auf Europa und das europäische Christentum sowie im Kontext des Dialogs zwischen Katholischer und Orthodoxer Kirche benutzt“ (Bischof Ilarion von Wien). Mit diesen Worten hat der russischer Bischof von Wien und Österreich Ilarion seinem Vortrag beim VI. Gniezno-Treffen „Das Europa des Dialogs. Christ sein in einem pluralistischen Europa“ am 17. September 2005, begonnen.
Papst Johannes Paul II. war, nach Bischof Ilarion, „der einflussreichste religiöse Führer der Moderne, und er machte auf die gesamte menschliche Zivilisation Eindruck. In der Tat reichte sein Einfluss weiter über die Römisch-Katholische Kirche hinaus, die er über ein Vierteljahrhundert leitete. Seine Botschaft wurde von Millionen von Menschen überall auf der Welt gehört und anerkannt, nicht nur von Katholiken, sondern auch von Orthodoxen, Protestanten, Anglikanern, Juden, Muslimen, von Menschen anderen Glaubens und, was vielleicht noch bemerkenswerter ist, von Menschen ohne einen Glauben. Durch seine Gegenwart, durch seine Worte, durch seine Lächeln und seine außerordentliche Offenheit war es ihm möglich, Millionen von Menschen für Christus zu interessieren“.
Ähnlich positiv wird der Beitrag von Papst Johannes Paul II. vom Griechisch-Orthodoxen Metropoliten von Deutschland Augoustinos an seinem Beileidsbrief an Deutsche Kardinäle beurteilt: „Das Pontifikat dieses Papstes gehört zu den bedeutendsten der Welt- und Kirchengeschichte. Sein universales Wirken für die Christen und für alle Menschen sowie die Offenheit dieses römischen Oberhirten, der unermüdlich die Welt bereiste, machte ihn furchtlos gegenüber seinen Gegnern und bereit zum Gespräch mit Andersgläubigen. Er konnte dazu helfen, die ideologische und politische Teilung Europas zu überwinden. Auch der Spaltung der Christenheit erteilte er immer wieder eine Absage und drängte die christlichen Kirchen auf den Weg zur Einheit. Insbesondere lag ihm an der Gemeinschaft mit der orthodoxen Kirche“ (Metropolit Augoustinos).
Tatsächlich hat Papst Johannes Paul II. den dialogischen Kurs seiner Vorgänger mit der Orthodoxie vom Herzen weitergeführt. Sein Biograph George Weigel, meint sogar, dass „er 1978 wirklich daran geglaubt hat, dass die Bresche zwischen Rom und dem christlichen Osten, die formal 1054 aufgebrochen war, zu Beginn des dritten Jahrtausends geschlossen werden könnte“ (Interview in der Website www.kath.net). Dass das offensichtlich nicht geschehen ist, bezeichnet Weigel als „das größte "unerledigte Werk" seines Pontifikats“.
1979, einer seiner ersten Auslandsreisen, führte den Pontifex zum orthodoxen Patriarchen nach Konstantinopel. Patriarch Dimitrios und Papst Johannes Paul II. ankündigten offiziell, bei dieser Begegnung in Konstantinopel, den Beginn des theologischen Dialogs und damit die Vervollständigung des weiterhin notwendigen und noch zu intensivierenden „Dialogs der Liebe“ durch einen „Dialog der Wahrheit“. „In ihrer Erklärung vom 30.11.1979 beteuerten sie, mit allen Kräften die volle kirchliche und eucharistische Gemeinschaft anzustreben, dadurch aber auch der ganzen christlichen Welt auf der Suche nach Einheit zu dienen“ (Bischof Feige, in „Die Orthodoxe Kirche. Eine Standortsbestimmung an der Jahrtausendwende“, S.226).
Die Vorgeschichte
Der theologische Dialog war natürlich die Frucht eines langen Prozesses. Ost- und Westchristenheit sind von Anfang an, von den ersten Jahrhunderten der Geschichte der christlichen Kirche, verschiedene Wege im theologischen Bereich gegangen. Während die östliche Kirchenväter ihre Theologie im griechischen Kulturraum, geprägt von der griechischen Philosophie, entwickelt haben, basierte die theologische Arbeit der lateinischen Väter (hauptsächlich wäre Tertyllianos und Augoustinos hier zu erwähnen) auf das römische Rechtsdenken. Die Sprachbarriere spielte dabei eine wichtige Rolle. Der Entfremdungsprozess hat sich seinem Höhepunkt in dem Zufügung des „Filioque“ von seitens der römischen Kirche in das alte gemeinsame Glaubenbekenntnis der ökumenischen Synode von Nizäa und Konstantinopel ab dem 8. Jahrhundert gefunden. In dieser Zeit fand auch der erste theologische Dialog zwischen Ost und West. Das „Filioque“, eine theologische These über die Beziehungen der Personen in der heiligen Dreieinigkeit, wurde zum Identitätsmerkmal des neuen Bewusstseins der westlichen Welt nach Kaiser Karl dem Grossen. Die politisch-geschichtliche und kulturelle Dimension der Trennung zwischen Osten und Westen soll nicht unterschätzt werden.
Nach dem endgültigen Abbruch der kirchlichen Gemeinschaft im Jahre 1054 wurden viele Versuche unternommen für eine Wiedervereinigung. Politische und psychologische Faktoren, so wie unglückliche historische Ereignisse (Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahre 1204) haben aber zu einer weiteren Entfremdung geführt.
Der Aufbruch im 20. Jahrhundert
Das zwanzigste Jahrhundert brachte eine Öffnung der Kirchen füreinander mit sich. Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel hat bereits im Jahr 1902 ein Rundschreiben an alle Orthodoxen Kirchen gerichtet, in dem das Anliegen der Wiederherstellung der Einheit der christlichen Kirchen hervorgehoben wurde. Das war die erste offizielle Initiative einer Kirche zur Förderung der Ökumene.
Die liturgische Bewegung und das wachsende Interesse für die Väter der ungeteilten Kirche im Katholizismus der ersten Hälften des 20. Jahrhunderts, so wie die Gegenwart und der Einfluss einiger großen orthodoxen Theologen im Westeuropa bereitet den Boden für die Wertschätzung der Orthodoxen Kirche in den Dokumenten des zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) und darüber hinaus vor. «Die Aussage, „dass die Kirchen des Orients von Anfang an einen Schatz besitzen, aus dem die Kirche des Abendlandes in den Dingen der Liturgie, in ihrer geistlichen Tradition und in der rechtlichen Ordnung vielfach geschöpft hat“ (Unitatis Redintegratio = Ökumenismusdekret 14,2), ist mehr als eine Erinnerung an Vergangenes, sie ist auch Wegweisung für das gegenwärtige und zukünftige kirchliche Leben» meint Bischof Paul-Werner Scheele, langjähriger Co-Präsident der Gemeinsamen Kommission der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und der römisch-katholischen Kirche in Deutschland.
Der Klimawechsel in die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen kam durch die charismatischen Persönlichkeiten von Patriarch Athenagoras und Papst Johannes XXIII. Angelo Giuseppe Roncalli ist der erste Papst, der ein Bewusstsein für Ökumene entwickelt hat. Er hat das „Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen“ eingerichtet, zu dessen Leiter er Kardinal Bea ernannte. Patriarch Athenagoras gelang dementsprechend auf der 2. Panorthodoxen Konferenz auf Rhodos im Jahr 1963 die Zustimmung aller Orthodoxen Kirchen für den Beginn des Dialogs mit der Römisch-Katholischen Kirche auf der Ebene der Gleichheit (par cum pari) zu holen.
„Einen wirklichen Durchbruch brachte jedoch erst die symbolträchtige Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras 1964 in Jerusalem, bei der beide den Friedenskuss austauschten, miteinander Johannes 17 lasen und gemeinsam das Vaterunser beteten. Damit begann ein „Dialog der Liebe“, der in vielfältiger Weise die historischen Belastungen aufarbeiten, das Vertrauen fördern und die Aufnahme theologischer Gespräche vorbereiten sollte. Besonders bedeutsam war dafür die feierliche „Aufhebung“ der Anathemata, der Bannflüche von 1054 durch eine gemeinsame Erklärung des Papstes und des Patriarchen am 7.12.1965“ (Bischof Feige, S. 224). „Mit zu Christus gewandten Augen, der zusammen mit dem Vater der Archetypos und Urheber von Einheit und Frieden ist, bitten wir Gott, dass diese Begegnung ein Zeichen und ein Vorspiel kommender Dinge zur Ehre Gottes und zur Erleuchtung seines gläubigen Volkes sein möge. Nach so vielen Jahrhunderten des Schweigens haben wir uns nun mit dem Verlangen getroffen, den Willen des Herrn zu tun und die alte Wahrheit seines Evangeliums zu verkünden, das der Kirche anvertraut ist“ (Gemeinsame Erklärung von Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I.)
Der Theologische Dialog
Auf dem fruchtbaren Boden des „Dialogs der Liebe“ hat die aus 56 Mitgliedern bestehende orthodox-katholischen Theologenkommission ihre Arbeit, den „Dialog der Wahrheit“, während des Pontifikats des Papstes Johannes Paul des II., im Mai/Juni 1980 auf Patmos und Rhodos begonnen. Das erste gemeinsame Dokument wurde bei der zweiten Plenarsitzung der Kommission in München (1982) verabschiedet. Dieses wichtige Dokument behandelt das Thema: „Das Mysterium der Kirche und der Eucharistie im Lichte des Mysteriums der Hl. Dreieinigkeit“. Das zweite gemeinsame Dokument zum Thema „Glaube, Sakramente und Einheit der Kirche“ wurde in Bari (1987) verabschiedet; das dritte in Neu-Valamo/Finnland, zum Thema: „Das Weihesakrament in der sakramentalen Struktur der Kirche, insbesondere die Bedeutung der apostolischen Sukzession für die Heiligung und die Einheit des Volkes Gottes“. Methodisch wurde zunächst vom fundamental Gemeinsamen in Dogma und Liturgie ausgegangen.
Die III. Vorkonziliare Panorthodoxe Konferenz (1986) sprach ihre Genugtuung über den bisherigen Erfolg des Dialogs aus, stellt jedoch fest, dass auch die kontroverstheologischen Themen bald in Angriff genommen werden müssen, vor allem im Bereich der Ekklesiologie.
Diese wurden dann ab 1990, bedingt durch eine Krise des bis dahin fruchtbar verlaufenen Dialogs ausgelöst durch die politische Wende in Ost- und Südeuropa und die Wiederzulassung der Griechisch-Katholischen (Unierten) Kirchen, aufgenommen. Die 7. Vollversammlung in Balamand (1993) produzierte einem Dokument mit dem Titel „Der Uniatismus – eine überholte Unionsmethode – und die derzeitige Suche nach der vollen Gemeinschaft“ (Balamand 1993). Das hat aber leider die Sache nicht vorangebracht und die erneute Diskussionen, und besonders die Haltung der russischen Delegation im Jahr 2000 in Baltimore hat dazu geführt, dass die Kommission ihre Arbeit eingestellt hat, ohne Entscheidung darüber, ob sie jemals wieder fortgesetzt würde oder nicht.
Gott sei Dank, vor zwei Monaten, also vom 11. bis 13. September 2005, traf sich die neu berufene Orthodoxe Delegation für den theologischen Dialog mit der römisch-katholischen Kirche nach einer fünfjährigen Pause. Das Treffen fand in Konstantinopel statt, auf Einladung Seiner Allheiligkeit, des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios. Die Delegation stimmte dem Vorschlag der römisch-katholischen Seite zu, die Diskussion des Themas des Primats im Rahmen der allumfassenden Kirche aufzunehmen. Dabei soll auch das Thema des Uniatismus im Kontext der Ekklesiologie behandelt werden, da es weiterhin ein bedeutendes Hindernis zu einer erfolgreichen Entwicklung der katholisch-orthodoxen Beziehungen sei. Die Wahl des Orthodoxie-Freundes Joseph Ratzinger zum Papst hat wieder Hoffnungen auf das Fortschreiten des Dialogs erweckt.
Gemeinsame Erklärung von Papst Johannes Paul II. und Ökumenischen
Patriarchen Bartholomaios I.
Die Problematik um den Uniatismus ergreift auch die Gemeinsame Erklärung von Papst Johannes Paul II. und dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, die bei ihrer Begegnung im Vatikan am 29. Juni 2004 herausgegeben wurde. Nachdem auf die viele positive Schritte der „gemeinsamen Reise“ seit 1964 erinnert wird und für die „exemplarischen Gesten gegenseitiger Liebe, Teilhabe und Gemeinsamkeit, die der Herr ihnen gewährt hat“, gedankt wird, wird im Paragraph 6 festgestellt: „Trotz unserer festen Entschlossenheit weiterzureisen hin zur vollen Communio, wäre es unrealistisch gewesen, nicht auch Hindernisse verschiedener Art zu erwarten: lehrmäßiger in erster Linie, aber auch das Ergebnis von Bedingungen, die durch eine schwierige Geschichte geschaffen worden sind. Hinzu kamen die neuen Probleme, die sich aus den radikalen Veränderungen ergeben haben, welche in den politischen und sozialen Strukturen eingetreten sind… Mit der Rückkehr der Christen in Mittel- und Osteuropa zur Freiheit sind auch alte Befürchtungen wieder erwacht, die den Dialog erschweren“. Und im Paragraph 8 wird das Ziel des Treffens bekannt gegeben: „Unser Treffen in Rom heute ermöglicht es uns auch, gewisse Probleme und Missverständnisse anzugehen, die vor kurzem aufgetaucht sind. Die lange Erfahrung des „Dialogs der Liebe“ kommt uns gerade in diesen Umständen zu Hilfe, so dass die Schwierigkeiten ernsthaft angegangen werden können, ohne dass unser Fortschreiten auf dem Wege, den wir hin zur vollen Gemeinschaft in Christo begonnen haben, verlangsamt oder verdunkelt würde“.
Diese Begegnung war die letzte einer Reihe von Begegnungen des Papstes Johannes Paul II. mit den Ökumenischen Patriarchen Dimitrios und Bartholomaios. Am 10. Juni 2002, im Rahmen des Vierten Symposions zur Ökologie „Das Adriatische Meer – Ein Meer in Gefahr“, haben sogar die beiden Kirchenoberhäupte eine Gemeinsame Erklärung zur Umweltethik für die Erhaltung der Schöpfung unterzeichnet.
In der gemeinsamen Erklärung vom 2004 werden auch die Chancen und Möglichkeiten der beiden Kirchen zusammenzuwirken, um zum Wohl der Gesellschaft beizutragen gelistet: „das Krebsübel des Terrorismus mit Liebe zu heilen; eine Hoffnung auf Frieden zu vermitteln; dabei helfen, die Menge der schweren Konflikte zu richten; das Bewusstsein für die christlichen Wurzeln dem Europäischen Kontinent wieder zu geben; einen aufrichtigen Dialog mit dem Islam aufzubauen, denn Indifferenz und gegenseitige Ignoranz können nur zu Feindschaft und sogar Hass führen; ein Bewusstsein für die geheiligte Natur des menschlichen Lebens zu nähren; daran mit zu wirken, dass die Naturwissenschaft nicht den göttlichen Funken verneint, den jedes menschliche Wesen mit der Gabe des Lebens empfängt; zusammen zu arbeiten, dass unsere Erde nicht zerstört wird und dass die Schöpfung die Schönheit bewahren möge, mit der sie von Gott ausgestattet wurde; vor allem aber, die Botschaft des Evangeliums mit frischer Kraft zu verkünden, um so den heutigen Männern und Frauen zu zeigen, wie das Evangelium ihnen helfen kann, sich selbst wieder zu entdecken und eine humanere Welt zu errichten“.
Papst Johannes Paul II. hat während seines Pontifikats auch andere Orthodoxe Oberhäupte, Patriarchen und Erzbischöfe, getroffen. Sein Besuch in Rumänien im Mai 1999 stellte die erste Reise in ein Land mit orthodoxer Bevölkerungsmehrheit dar. Er war auch der erste Papst in der Geschichte der Bulgarien, Georgien und Armenien, Länder mit ebenfalls orthodoxer Bevölkerungsmehrheit, besucht hat.
Der Papst in Athen
Ein Herzensanliegen von ihm war Griechenland zu besuchen. Auf Einladung des Griechischen Staates hat er Athen als „Pilger“ am 4. und 5. Mai 2001 besucht. Sein Besuch war mit viel Kritik von allen Seiten begleitet. Die Griechisch-Orthodoxen Bischöfe haben sehr viele Bedenken ausgedrückt. Monastische und zelotische Kreise haben aktiv dagegen demonstriert. Erzbischof Christodoulos hat eine andere Vorgehensweise aber gewählt und durchgesetzt. Er hat eine Rede gehalten, in der die Sprache der „Wahrheit“ gesprochen hat; er hat alle Probleme ganz offen ernannt und auch viele Anschuldigungen, die im Volksmund üblich sind, weiter am Papst gerichtet.
Nachdem er feststellt, dass die Tatsache, dass ein Papst zum ersten Mal in der Geschichte Athen besucht, ihm Freude bereitet, fängt er die Bedenken seiner Kollegen auf. „Unsere Freude wird jedoch von der Tatsache unserer Trennung überschattet. Dogmatische und ekklesiologische Gründe, die seit einem Jahrtausend existieren, vergiften die Atmosphäre und negieren die notwendigen Bedingungen, die es erlaubt hätten, dass Ihr Besuch fruchtbringend gewesen wäre und Ergebnisse gezeigt hätte. Die Anathemata sind dank der Gnade Gottes aufgehoben worden - die Ursachen, die sie zustande gebracht haben, aber nicht“. Christodoulos bezeichnet die Opponierung eines „großen Teiles des gläubigen Volkes der Kirche von Griechenland gegen Ihre Anwesenheit hier“ als verständlich. Er agiert sogar als Anwalt dieser Gläubigen in dem er Papst Johannes Paul II. den Grund dieser Reaktionen erklären will. „Diese Reaktionen drücken nicht allein eine explizite Verurteilung der unannehmbaren Gewaltakte aus, die immer wieder gegen orthodoxe Völker erfolgt sind, sondern auch die Forderung des orthodoxen Bewusstseins nach einer formalen Verurteilung der Ungerechtigkeiten, die gegen sie vom christlichen Westen geschehen sind. Dies würde die Erlangung des Geistes eines konstruktiven Dialogs in unseren bilateralen Beziehungen erleichtern. Das orthodoxe griechische Volk verspürt mehr als andere orthodoxe Völker in seinem religiösen Bewusstsein und seinem nationalen Gedächtnis die traumatischen Erfahrungen, die als offene Wunden seinem Leib, wie alle wissen, durch die zerstörerische Besessenheit der Kreuzfahrer und der Periode der Lateinerherrschaft wie auch durch das gesetzlose Proselytieren der lateinischen Union zugefügt worden sind. Doch ist bis heute noch keine einzige Vergebungsbitte zu hören gewesen“.
Er benutzt eine kaum versöhnungsklingende Sprache. „In der Tat hat unser Volk mit Bitterkeit bei vielen Gelegenheiten unserer Geschichte feststellen müssen, dass die mächtige Kirche von Rom es in seinen schwierigen Momenten im Stich ließ, dass sie häufig sein kirchliches Bewusstsein unterdrückte und dass sie es sogar im Hinblick auf wesentliche Inhalte von nationalem Belang täuschte. Es wäre wohl nutzlos für uns, eine Auflistung jener Ereignisse zusammenzustellen, sowohl derer, die der Vergangenheit angehören, wie auch jener, die als wunde Stellen am historischen Leib der Kirche bleiben. Das Problem der Unionen beispielsweise stellt den wichtigsten Grund für die Blockade des römisch-katholisch/orthodoxen Dialogs dar. So ist es von großer Bedeutung, dass wir ein mutiges Wort erwarten, das von Ihren Lippen kommt, das Wort eines christlichen Bischofs, der zu unseren Herzen spricht. Dieses Wort muss den Grundstein legen, auf dem Verständnis, Vergebung und Versöhnung gebaut werden können“.
Ein solches Wort hat Papst Johannes Paul II. tatsächlich in Athen ausgesprochen. „Sicherlich, wir tragen die Last von vergangenen und gegenwärtigen Kontroversen und beständigen Missverständnissen. Aber diese können und müssen im Geiste der gegenseitigen Liebe überwunden werden, denn dazu hat der Herr uns aufgerufen. Es ist eindeutig, dass ein Bedürfnis nach einem befreienden Prozess der Bereinigung der Erinnerung besteht. Für die vergangenen und gegenwärtigen Anlässe, bei denen Söhne und Töchter der Katholischen Kirche durch Taten oder Unterlassungen gegen ihre orthodoxen Brüder und Schwestern gesündigt haben, möge der Herr uns Vergebung gewähren, das erbitten wir von ihm“. Als Papst Johannes Paul II. diese Worte ausgesprochen hat, hat Erzbischof Christodoulos spontan mit einem jubelnden Beifall diese Reueerklärung begrüßt. Sie ist natürlich nicht so umfassend und so klar wie Christodoulos und die Heilige Synode der Kirche von Hellas gewünscht hätte; es war doch etwas, ein „mea culpa“, wie die Presse es interpretiert hat.
Papst Johannes Paul II. bezeichnet als „tragisch“ und bedauere dass, die Kreuzfahrer „die ausgezogen waren, um freien Zugang für Christen zum Heiligen Land zu sichern, sich gegen ihre eigenen Glaubensbrüder wandten. Die Tatsache, dass es sich um Lateinische Christen handelte, erfüllt Katholiken mit großem Bedauern“. Die Plünderung Konstantinopels im Jahr 1204 und die lateinische Herrschaft Griechenlands sind Tatsachen die „bis zum heutigen Tag tiefe Wunden in den Gemütern und Herzen der Menschen hinterlassen“, wie der Papst selber feststellt. Auf die Frage des Uniatismus hat sich Papst Johannes Paul II. folgendermaßen geäußert: „Wenn bestimmte Vereinigungsmodelle der Vergangenheit nicht mehr dem Impuls zur Einheit entsprechen, den der Heilige Geist in jüngster Zeit in Christen überall erweckt hat, müssen wir um so offener und aufmerksamer dem gegenüber sein, was der Geist nun zu den Kirchen sagt (vgl. Off 2, 11)“.
Manche nehmen das Glas als halbvoll und manche als halbleer wahr! Sicher konnte oder sollte sogar der Papst mehr gestehen, was die Haltung der römischen Kirche gegenüber der Orthodoxen Kirche in der Geschichte betrifft. Und was die heutigen Probleme betrifft hat auch Papst nicht so klar gesprochen; denn er selber sucht den richtigen Weg zwischen die Stimmen der neu erwachten Griechisch-Katholischen Schafen seiner Kirche und die der beliebten Brüder der Orthodoxen Kirche. Trotzdem kann man als sehr positiv bewerten, dass der Papst in irgendeinerweise um Vergebung bat. Die Symbolik der Bilder spielte dabei eine große Rolle. Ein ehrwürdiger, kranker, alter Mann im Weiß, als Repräsentant einer Weltkirche bat um Vergebung vor seinem jüngeren, in guter Gesundheit stehenden Mitbrüder, der eine eben historische Kirche repräsentiert, eine Kirche für die gar nicht so leicht ist die Vergangenheit zu bewältigen und einen neuen Weg mit der „Schwesterkirche“ von Rom zu ebnen. Die Versöhnung kam bisschen später, als der jüngere Bruder den älteren geholfen hat zu laufen und die Treppe runter zu kommen. Diese Bilder haben eine große versöhnende Kraft ausgestrahlt.
Bemerkungen von Bischof Feige
„Bemerkenswerterweise ist der orthodox-katholische Dialog gewissermaßen „von oben nach unten“ initiiert“ bemerkt abschließend zu seinem Beitrag über die Beziehungen der Schwesterkirchen Bischof Feige „und durch schwerwiegende Äußerungen und Symbolhandlungen der „Erzbischöfe“ zur theologischen Aufarbeitung und praktischen Umsetzung beauftragt bzw. sogar gedrängt worden, während bei anderen zwischenkirchlichen Dialogen oftmals beklagt wird, dass die für Basis und Theologen schon längst denkbare Gemeinsamkeit immer noch nicht kirchenamtlich rezipiert sei. Bei den nächsten orthodox-katholischen Schritten müsste man sich darum bemühen, nicht nur weitere theologisch verantwortbare Lösungen zu finden und diese verbindlich umzusetzen, sondern auch die bereits wiederentdeckte Gemeinschaft möglichst vielen Gläubigen als Gabe und Aufgabe des Heiligen Geistes nahezubringen. Nur in einer solchen spirituellen Grundhaltung und mit viel Geduld – da die Zeit noch manche Wunden heilen muss – könnte es gelingen, die zahlreichen kirchenrechtlichen, politischen, nationalen, ethnischen oder psychologischen Störfaktoren zu überwinden. Wie der orthodox-katholische Dialog weitergehen und ob er in naher Zukunft … zu einer vollkommenen Gemeinschaft von Schwesterkirchen führen wird, bleibt ungewiss, d.h. aber auch – wie manche kurz zuvor noch für völlig undenkbar gehaltenen erfreulichen Entwicklungen unseres Jahrhunderts lehren – für positive Überraschungen offen“ (Bischof Feige, S. 238).
Orthodox-katholische Beziehungen in Deutschland
Die Biographie der Menschen und der Ort wo man lebt spielt natürlich eine wichtige Rolle, im Bezug auf sein ökumenisches Bewusstsein. Wenn man in einem Land wie Griechenland oder Spanien lebt, wo entsprechend die Orthodoxe oder die Katholische Kirche in der Mehrheit ist, kann dem anderen, dem Bruder, oder besser gesagt die „Schwesterkirche“ nur aus der Ferne wahrnehmen. Man lebt nicht zusammen wie in Deutschland. Ich betrachte es als ein großes Segen Gottes und einen großen Chance für den orthodox/katholischen Dialog, dass in Deutschland Katholiken und Orthodoxen zusammenleben und wirken, in einem äußerst ökumenischen Kontext. Deutschland ist das zweite Land in der Welt, nach USA, wo so viele orthodoxe Christen zusammen mit katholischen Christen leben. Aber hier bei uns ist dieses Zusammenleben viel intensiver. Wenn eine katholische Kirchengemeinde ihre zweite Kirche der Orthodoxen Kirchengemeinde zur alleinigen Verfügung vertraglich überlässt, wie z.B. in Mannheim, ist das ein konkretes Zeichen, dass für viele Menschen von Bedeutung ist, etwas was ständig das Bewusstsein eines neuen Miteinanders der beiden Kirchen nährt. Denn, die orthodoxen Christen erkennen die architektonische Gestalt der Kirche an; dass es sich um eine katholische Kirche, die aber uns geschwisterlicherweise überlassen worden ist geht, während die katholischen Christen froh sind, dass ihre Kirche noch offen bleibt, sind hier die positiven Nebeneffekte. Solche, oder ähnliche Beispiele gibt es überall in Deutschland. München ist ein anderes markantes Beispiel. Die katholische Allerheiligenkirche in München-Schwabing wurde nach Plänen der orthodoxen Gemeinde völlig renoviert und neu gestaltet und ein Gemeindezentrum wurde errichtet auf Kosten der katholischen Erzdiozöse Freising/München (mit einer kleinen Beteiligung der orthodoxen Gemeinde) und wurde dem Gebrauch der Griechisch-Orthodoxen Gemeinde übergeben. Diese einmalige Geste geht zurück auf die persönliche Freundschaft des griechisch-orthodoxen Pfarrers Apostolos Malamoussis mit dem Erzbischof Kardinal Wetter, seit der Zeit als beide noch in der Pfalz tätig waren!
Ausdruck der gewachsenen Beziehungen zwischen beiden Kirchen sind auch die zahlreichen Stipendien, die die verschiedenen römisch-katholischen Diözesen orthodoxen Theologiestudenten zur Aus- und Fortbildung an deutschen Universitäten bis heute gewährt haben. Umgekehrt, gewährt das Ökumenische Patriarchat seit 1977 katholischen Theologiestudenten Stipendien zum Studium an der griechisch-orthodoxen Theologischen Fakultät von Thessaloniki.
Auf der Akademischen Ebene ist noch etwas Merkwürdiges geschehen; zur Förderung des theologischen Gesprächs hat die Römisch-Katholische Kirche in Deutschland drei Lehrstühle, eine in Münster und zwei in München, der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland zur Verfügung gestellt! In Münster existiert seit 1979 das „Lehr und Forschungsgebiet Orthodoxe Theologie“ und in München seit 1984 das „Institut für Orthodoxe Theologie“, zunächst mit einem Lehrstuhl, seit 1996 mit vier Lehrstühle (und zu einer „Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie“ gefördert).
Die guten, geschwisterlichen Beziehungen beider Kirchen in Deutschland werden von der „Gemeinsamen Kommission der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz“, die seit 1980 existiert, gesteuert. Diese wird von Metropolit Augoustinos und dem Bischof von Regensburg, Dr. Gerhard Ludwig Müller, als den zwei Vorsitzenden geleitet. Seit 1981 treffen sich ihre Mitglieder regelmäßig zweimal im Jahr. Diese Kommission ermöglicht ständigen Austausch über alle die beiden Kirchen und die Ökumene berührenden Fragen. Die Kommission hat bis heute vier praktische, pastorale Handreichungen über die Gemeinsamkeiten und die Differenzen im Vollzug und in der Lehre über die Sakramente der Ehe, der Taufe und der Firmung, der Buße und der Krankensalbung, und über die Heiligen herausgegeben. Diese Handreichungen sind besonders wertvoll im Hinblick auf die viele gemischte orthodox-katholische Ehepaare und Familien, die ein weiteres Kapitel, wie auch einen Chance in der Beziehungen zwischen beiden Kirchen darstellen.
Epilog
Der ehemalige Bischof von Würzburg, und langjähriger Leiter der „Gemeinsamen Kommission“ seitens der Römisch-katholischen Kirche, Dr. Paul-Werner Scheele, schließt sein Artikel „Die griechisch-orthodoxe Kirche und die römisch-katholische Kirche in der Bundesrepublik Deutschland“, der in das Festschrift das 25jähriges Bestehen der Metropolie im Jahre 1988 publiziert wurde, mit den folgenden zutreffenden Worten: „Beim Besuch des Ökumenischen Patriarchen Dimitrios I. im Vatikan 1987 überreichte der Papst am ersten Tag der Begegnung seinem hohen Gast einen Kelch. Er trägt an seinem Fuß in griechischer und lateinischer Sprache die Widmung: „Als Ausdruck des Wunsches, bald gemeinsam die Eucharistie zu feiern“. Diese sinnträchtige und beziehungsreiche Gabe kann auch ein Symbol für all das sein, was im neuen Miteinander von orthodoxen und katholischen Christen in Deutschland erfahren, versucht, erstrebt, was geglaubt und gehofft wird: Der liturgische Kelch ist ein Hinweis auf den Herrn, dessen Opferblut er bergen darf. Er weist hin auf die Kirche, die aus ihm Leben empfängt … Der Kelch ist zum Mitteilen bestimmt. Er kann uns den Auftrag vor Augen halten, mitzuteilen, was wir empfangen dürfen. Je mehr orthodoxe und katholische Christen miteinander und füreinander tun, was im Symbol des Kelches zum Ausdruck kommt, umso näher rückt die ersehnte Stunde der Einheit am Tisch des Herrn“ (Dienst am Volk Gottes, S. 293).
Papst Johannes Paul II. hat für diese Vision viel geleistet. Papst Benedikt XVI. setzt fort sein Werk. Er ist ein alter Freund und ein sehr guter Kenner der Orthodoxen Kirche. Die Orthodoxe Kirche hofft auf eine gute Zusammenarbeit in vielen Bereichen.
Möge der Heiliger Geist unsere Kirchen auf dem Weg der Einheit leiten,
damit die Welt glaubt.