Die Erhöhung des ehrwürdigen und
lebenspendenden Kreuzes für alle Welt
zum 14. September: Das Fest, Geschichte und Bedeutung

Die Schande der in Nacktheit erfolgten Hinrichtung und die unmenschlichen Qualen der Kreuzigung geboten den frühen Christen, ihren gekreuzigten Herrn nur mit Worten zu verkündigen: „Während die Juden Zeichen fordern und die Griechen Weisheit suchen, predigen wir Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis (skandalon), den Heiden eine Torheit; den Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit" (1 Kor 1, 22-24). Erst nachdem Kaiser Konstantin im Jahr 320 im Hinblick auf Christi Kreuzigung diese Strafe verboten hatte, konnte man daran denken, Christus am Kreuz abzubilden. Doch die Scheu, den Gekreuzigten in seiner Schmach darzustellen, hielt noch lange an. Die älteste erhaltene Darstellung im Westen befindet sich auf der aus afrikanischem Zedernholz um 432 geschnitzten Portaltür von Santa Sabina auf dem Aventin in Rom. Christus steht hier, mit einem schmalen Lendentuch bekleidet, groß und erhaben zwischen den beiden kleiner dargestellten Räubern. Der Ausdruck des Leidens ist gemildert; die geöffneten Augen und die wie zum Gebet ausgebreiteten Arme zeigen ihn als siegreichen, göttlichen Mittler. Aus dem Osten ist als älteste Darstellung des Gekreuzigten eine Buchillustration in dem in Syrien gefertigten Rabbula-Kodex von 586 (heute in der Bibliothek Laurenziana, Florenz) erhalten. Christus trägt dort eine mit Goldstreifen verzierte ärmellose Purpurtunika. Sein seitlich geneigtes Haupt ist vom Schmerz gezeichnet, aus der von der Lanze durchstoßenen Seite fließt Blut; doch die Augen des Toten sind weit geöffnet, um anzudeuten, dass seine Gottheit vom Tod nicht getroffen werden kann.
Anders verhielt es sich mit der Darstellung des Kreuzes ohne die Gestalt des Gekreuzigten, die mit dem Erstarken des Christentums seit der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts immer häufiger anzutreffen ist. Als Kaiser Konstantin den Sieg über seinen Schwager und Rivalen Maxentius an der Milvischen Brücke bei Rom im Jahre 312 errungen hatte, ließ er ab 315 auch Münzen mit dem Zeichen des Kreuzes prägen, und ab 321 erscheint das Monogramm Christi nach seinen griechischen Anfangsbuchstaben als X P oder in der Form -P- auf den Feldzeichen des Heeres. Besonders das sog. griechische Kreuz mit seinen vier gleich langen Armen fand als Zeichen des Sieges Christi, mit Ornamenten und Gemmen geschmückt, vielfache Verwendung. Als Triumphkreuz zierte es Kirchen, Taufkapellen und Sarkophage. Auch Fußböden wurden reichlich und in großer Vielfalt mit Kreuzen geschmückt, bis Kaiser Theodosios II. (408-450) im Jahr 427 Kreuze auf Fußböden anzubringen verbot, damit niemand auf das Zeichen der Erlösung trete. Doch wurde dem kaiserlichen Dekret nicht überall Folge geleistet. Denn das 6. Ökumenische Konzil in Konstantinopel, das sog. Trullanum von 691/2, schärfte im 73. Kanon dieses Verbot unter Androhung des Kirchenausschlusses noch einmal nachdrücklich ein.
Dem Wunsch seiner christlichen Mutter Helena entsprechend, die im Jahr 324 das Heilige Land besucht hatte, ließ Kaiser Konstantin in Palästina mehrere Kirchen errichten, in Jerusalem eine Doppelkirche, die durch einen Atriumshof verbundene Martyrion- und Anastasis-Kirche, durch welche Tod und Auferstehung Christi verherrlicht werden sollte. Die fünfschiffige Martyrion-Basilika wurde am 13. September 335 in Anwesenheit von Kaiser Konstantin von vielen Bischöfen, die von einer Synode in Tyrus (Libanon) gekommen waren, als Mutterkirche aller christlichen Kirchen eingeweiht. Der Fatimiden-Kalif al-Hakim (996-1021), Sohn einer christlichen Sklavin und erfüllt vom Hass gegen alles Christliche, ließ im Jahr 1009 die Doppelkirche plündern und das Grab Christi vollständig zerstören. Um 1048 ließ Patriarch Nikephoros von Jerusalem über der Grabanlage eine neue Rotunde errichten und den Atriumshof zur Kirche umgestalten; sie ist heute die Bischofskirche des orthodoxen Patriarchen von Jerusalem. Die Kreuzfahrer haben sie nach ihrer Eroberung der Stadt im Jahre 1099 weiter ausgeschmückt. Doch die große Martyrion-Kirche ist bis heute eine unter Schutt und Läden verborgene und von einem koptischen und äthiopischen Kloster überbaute Ruine geblieben.

Um den Golgotha-Felsen neben dem Atrium ist durch Kaiser Konstantin eine Kapelle erbaut worden; offenbar wurde auf dem Felsen ein Kreuz zur Verehrung aufgestellt, von dem man bald annahm, es sei Christi wirkliches Kreuz. Bischof Kyrillos von Jerusalem erwähnt um 348 in seinen Taufkatechesen nicht nur die Verehrung dieses Kreuzes, sondern auch die Verbreitung von Partikeln des Kreuzes in die ganze Welt. Erst um 395 bietet Bischof Ambrosius von Mailand einen legendären Bericht von der Auffindung des Kreuzes Christi durch die Kaisermutter Helena: Unter Schutt und Geröll neben dem Golgotha-Felsen seien drei Kreuze gefunden worden; nachdem sie einer todkranken Frau nacheinander aufgelegt worden seien, erlangte sie Heilung bei der Berührung mit dem wahren Kreuz Christi. Weitere Kreuzeslegenden kamen hinzu: Das georgische Kreuzkloster am Rande von Jerusalem sei an jener Stelle errichtet worden, wo aus einem Schössling von dem Lebensbaum des Paradieses, den Adam mitgenommen habe, jener Baum erwachsen sei, aus welchem Christi Kreuz gezimmert wurde. Durch diese Legende wird symbolhaft und schön die Einheit von Lebensbaum und Kreuzesbaum zum Ausdruck gebracht. Eine weitere Legende deutet die Bezeichnung der Richtstätte von Jerusalem: Auf Golgotha, Schädelstätte, seien die Gebeine und der Schädel Adams beigesetzt worden und das Blut Christi, des neuen Adam, sei, wie häufig auf Ikonen zu sehen, auf sie herabgeflossen, um durch seine Kraft Adam und seine Nachkommen mit neuem Leben zu beschenken.
Nach der Eroberung Jerusalems durch die Perser im Jahr 614 führte König Chosroes II. Abharwez das Kreuz Christi als Trophäe nach Babylon fort. Der oströmische Kaiser Herakleios (610-641) brachte es nach seinem Sieg über die Perser im Jahr 628 feierlich nach Jerusalem zurück. In der Schlacht der Kreuzfahrer gegen das arabische Heer Salah ed-Dins (Saladins) im Jahr 1187 bei Hittim in Galiläa, in der es der Bischof von Bethlehem trug, ging die Kreuzreliquie endgültig verloren. Die Kreuzverehrung aber hatte von Jerusalem aus den Weg in alle morgen- und abendländischen Kirchen gefunden, die am 14. September, am Tag nach der Weihe der konstantinischen Basilika, das Fest der Auffindung des Kreuzes und seiner feierlichen Aufrichtung, seiner Erhöhung, feiern.
Die Feier und die biblische Botschaft
Jede Verehrung des kostbaren Kreuzes gründet im
Erlösungsleiden Christi. Vornehmlich im Frühling in der Karwoche und am
Karfreitag gedenkt die Kirche dieses Mysteriums und begeht dabei auch die
Verehrung des Kreuzes als eines Symbols für Christus selbst. Etwa ein halbes
Jahr später am 13. und 14. September feiert sie das Doppelfest der Einweihung
der Basilika in Jerusalem und der Aufstellung (Erhöhung) des heiligen Kreuzes
auf dem Golgotha-Felsen neben der Martyrion-Kirche.
Am Sonntag vor dem Fest wird die Gemeinde
eingestimmt auf das Mysterium des Kreuzes. In der Lesung ruft Paulus den
Gläubigen zu, dass es für den Jünger Christi kein Rühmen gebe außer im Kreuz
des Herrn (Gal 6, 11-18). Der Menschensohn kündet im Evangelium an, dass er
erhöht werden müsse, damit jeder ewiges Leben habe (Joh 3, 13-17).
Am 13. September wird die Schönheit der durch
Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena veranlassten Doppelkirche im
Festtroparion besungen:
Wie dort obendes Firmamentes
Zierde so hast Du auch hier unten uns die Schönheit
der heiligen Wohnung deiner Herrlichkeit vor Augen gestellt, Herr Festige sie
für alle Ewigkeit und nimm unsere Gebete an, welche in ihr ohne Unterlass an
Dich gerichtet werden, auf die Fürbitte der Gottesgebärerin, Du unser
aller Leben und Auferstehung!
Troparion am
13. September; Anthologion I, 652 f.
Es folgt ein zweites
Troparion zu Ehren des heiligen Kreuzes:
Das
lebenspendende Kreuz Deiner Güte,
welches Du uns Unwürdigen geschenkt hast, Herr,
tragen wir zu Dir hin als unsere Fürbitte.
Bewahre die Könige und Deine Stadt,
die sich um den Frieden bemühen,
durch die Gottesgebärerin,
Du allein Menschenliebender! Troparion; Anthologion I, 653
Am Abend zum 14. September beginnt mit dem Großen Esperinos, seinen Hymnen und Lesungen das Hochfest der Erhöhung des heiligen Kreuzes, um dessentwillen dieser Festtag als Fasttag ausgewiesen ist.

Die alttestamentlichen Lesungen weisen typologisch auf die Bedeutung des Kreuzes Christi hin: Mit einem Holz hat Mose beim Zug durch die Wüste das bittere Wasser von Mara für das Volk genießbar gemacht (Exodus 15, 22-16, 1). Jahwes Weisungen, kostbarer als Gold und Silber, sind ein Lebensbaum; sie gewähren langes Leben und Ehre (Sprüche 3, 11-18). Nach Jerusalem, dessen Heiligtum aus Zypressen, Zedern und Fichten vom Libanon errichtet wurde, ziehen die Völker, um Jahwe dort zu verehren (Jesaja 60, 11-16). Aus diesen drei Bäumen, so eine Volksmeinung, war Christi Kreuz gefertigt worden.
Der Esperinos wird fortgesetzt mit der Liti, dem
nächtlichen Bittgottesdienst. Zum Altar wird ein Kreuz getragen und dort an die
Stelle des Evangelium-Buches aufgestellt. In meditierenden Hymnen des Andreas
von Kreta, Andreas von Jerusalem, Theophanes, Anatolios, des Kaisers Leon des
Weisen betrachtet die Gemeinde das heilbringende Leiden Christi und seinen Sieg
am Kreuz. Zum Abschluss wird das Troparion gesungen; es ist als Bitte
formuliert und geht auf die Bedeutung der Hauptstadt des Römischen Reiches ein,
deren Könige (Kaiser) seit dem 6. Jahrhundert im Kampf gegen die
nichtchristlichen Nachbarvölker, Perser, Araber und Slawen, standen und sich
für das Wohl der christlichen Welt verantwortlich wussten:
Rette,
Herr, dein Volk und segne dein Erbe!
Sieg verleihe den Königen über die barbarischen Völker
und behüte durch dein Kreuz deinen Staat. Apolytikion; Anthologion 1, 663
Im Orthros erklingen die Hymnen, die das Mysterium des Kreuzes und der an ihm gewirkten Erlösung preisen. Das Evangelium weist hin auf die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen: Die Stimme des Vaters kündet von der Verherrlichung des Sohnes, und er spricht von seiner Erhöhung, durch die er alle an sich zieht (Joh 12, 28-36).
Das Synaxarion bedient sich der legendären
Berichte von der KreuzErscheinung vor Kaiser Konstantin und der Auffindung des
Kreuzes:
Konstantin
der Große, der erste christliche Kaiser, führte einst Krieg um die Herrschaft,
wie einige Historiker meinen, bei Rom gegen Maxentius; andere meinen, es sei an
der Donau gewesen beim Kampf gegen die Skythen. Als er sah, dass das feindliche
Heer stärker war als das eigene, erfasste ihn Ratlosigkeit und Furcht. In
dieser Verfassung schaute er am hellen Tage das aus Sternen gebildete Zeichen
des Kreuzes am Himmel und eine Schrift in lateinischen Buchstaben; auch sie war
aus Sternen gebildet und lautete. In diesem Zeichen siege!
Aus
Gold ließ er sogleich das Kreuz, das ihm erschienen war, nachfertigen und
seinem Heer vorantragen. Er stieß mit den Feinden zusammen und gewann die
Oberhand; die meisten wurden getötet, die anderen ergriffen die Flucht. Da
erkannte er die im Kreuz liegende Macht und glaubte an den einzigen wahren
Gott.
Nachdem
er diesen Glauben durch die Taufe zusammen mit seiner Mutter besiegelt hatte,
sandte er sie nach Jerusalem, damit sie das Kreuz Christi auffinde. Sie fand es
auch, obwohl es verborgen war, und ebenfalls die beiden anderen Kreuze, an
denen die Räuber gekreuzigt worden waren, dazu auch die Nägel. Da die Kaiserin
aber im Unklaren war, welches das Kreuz des Herrn sei, wurde es ihr durch eine
Wundertat an einer todkranken Witwe offenbart; bei der Berührung mit ihm konnte
sie wieder aufstehen. Die beiden anderen Kreuze der Räuber dagegen hatten in
dieser Hinsicht nichts erwiesen, kein Anzeichen einer Wunderkraft. Das in der
Tat kostbare Kreuz verehrte und küsste die Kaiserin samt ihrer ganzen
Begleitung. Das Volk wünschte es auch zu verehren, doch gelang es ihm nicht;
aber es forderte, es zu sehen. Da trat Makarios, Patriarch von Jerusalem, hinzu
und hob das ehrwürdige Kreuz auf einer Kanzel in die Höhe; das Volk begann da
zu rufen. Herr, erbarme dich! Seither gibt es das Fest der Erhöhung.
Dreihundert
Jahre später entriss Kaiser Herakleios das ehrwürdige Kreuz den Händen der
Perser, die es bei der Eroberung Jerusalems geraubt hatten. Der Kaiser kehrte
als Sieger im Triumphzug in die Hauptstadt zurück und erhöhte zudem ein
weiteres lebenspendendes Kreuz in der Großen Kirche (Hagia Sophia) in Gegenwart
und unter dem Beifall des Volkes von Konstantinopel. September-Menaion,
139 f.
In den Kirchen der slawischen Tradition folgt nun
nach dem Morgenlob die Verehrung des kostbaren Kreuzes, in der griechischen
Kirche am Ende der Eucharistiefeier. In der Eucharistiefeier wird anstelle des
Dreiheilig gesungen:
Dein
Kreuz verehren wir, Herr,
und Deine heilige Auferstehung preisen wir!
Die Lesung bietet den hymnischen Text des Paulus über die Bedeutung des gekreuzigten Herrn: „Wir predigen Christus, den Gekreuzigten ... als Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1, 18-24). Das Evangelium kündet von der Verurteilung Christi zum Kreuzestod und von seiner Hinrichtung (Joh 19, 6-35).

In einer abbildlichen Feier der ersten
Kreuzerhöhung in Jerusalem findet vor dem Schlusssegen die Verehrung des
kostbaren Kreuzes statt. Der Priester beräuchert mit Weihrauch das Kreuz, das
auf einem mit Blumen geschmückten Tablett auf dem Altar liegt, und trägt es,
hoch über sein Haupt erhebend, dreimal durch die Kirche, während die Gemeinde
das Festtroparion singt. Vor der Ikonostase bleibt der Priester stehen und ruft
den Gläubigen zu: Weisheit. Steht aufrecht! Die Gemeinde wiederholt das
Festtroparion und ruft ständig wie einst die Jerusalemer Gläubigen: Kyrie
eleison!
Der Priester segnet nun, das Kreuz in die vier Himmelsrichtungen von oben herab
senkend, die Gemeinde und den ganzen Erdkreis. So wird in diesem feierlichen
Segen der Titel des Festes als einer Erhöhung des kostbaren Kreuzes „für alle
Welt“ bekundet. Dann wird das Kreuz in der Mitte der Kirche auf das
Proskynetarion gelegt, auf dem sonst die Tagesikone zur Verehrung liegt. Die
Gläubigen küssen es wie einst zu Jerusalem die Kaisermutter Helena und nehmen
eine Blume als Zeichen des Segens mit nach Hause.
Am Sonntag nach dem Fest wird noch einmal das
Kreuzmysterium gefeiert. In der Lesung der Eucharistiefeier verkündet Paulus
den Galatern, dass der Christ im Glauben an den Sohn Gottes lebt, der ihn
geliebt und sich für ihn hingegeben hat (Gal 6, 11-18). Im Evangelium mahnt
Christus selbst, dass jeder, der ihm folgen wolle, sich verleugnen und sein
Kreuz auf sich nehmen müsse (Mk 8, 34-9, 1).
Heiser,
Lothar, Quellen der Freude, die Hochfeste der orthodoxen Christen
(Schriftenreihe des Patristischen Zentrums Koinonia – Oriens; Bd. 52), Gersau
CH 2002, S. 295 ff.