Ökumenischer Gottesdienst aus Anlass der Woche der ausländischen Mitbürger 2004 (26.09.04-02.10.04) in das Griechisch-Orthodoxe Gemeindezentrum in Sandhofen am 25.09.2004

 

Predigt

 

«„Der Mensch ist was er isst“. Mit diesem Satz hat der deutsche materialistische Philosoph Feuerbach gemeint, dass er mit allen idealistischen Theorien um die menschliche Natur Schluss gemacht hat. In Wirklichkeit aber, ist seine These eine reine religiöse Anschauung über den Menschen. Denn, die gleiche Anschauung über den Menschen hat schon die Bibel. In der biblischen Erzählung zur Erschaffung der Welt wird der Mensch als ein Wesen der zuerst Hunger hat und die ganze Welt seine Nahrung ist, dargestellt. «Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen» (Gen.1, 29). Der Mensch muss essen um zu leben, er muss die Welt in seinem Körper aufnehmen  und sie in Menschen, in Blut und Fleisch umwandeln. Tatsächlich, der Mensch ist was er isst und die ganze Welt ist der Tisch eines Gastmahls. Das  Bild des Mahls bleibt in der ganzen Bibel das zentrale Bild des Lebens» (Auszug aus dem Buch von Vater Alexander Schmemann, Für das Leben der Welt).

 

Der Mensch, jeder Mensch auf der Erde, hat Hunger und Durst nach Leben, Liebe, Gesundheit, Heil, Fürsorge, Sicherheit. Es ist doch schön über die Mission in anderen Ländern, besonders in Afrika oder Lateinamerika, Berichte zu hören. Es ist schön, dass andere Völker zum Christentum bekennen. Es ist aber gar nicht so schön wenn mein Nachbar ein Ausländer ist. Ein schwarzer Afrikaner oder ein Südländer. Es ist überhaupt nicht romantisch. Es ist aber das wirkliche Leben. Es ist tatsächlich sehr oft schwer. Wir hätten als Griechen (oder haben wir inzwischen) die gleichen Probleme wie sie, liebe deutsche Mitbürger, wenn wir in unserer Heimat ähnliche Situationen erleben.

Das ist aber eine Herausforderung für unseren Glauben. Und Glauben, πίστις, bedeutet Vertrauen, εμπιστοσύνη, Vertrauen an Gott, dass nichts im Leben zufällig ist. Wenn also unser Land Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, kann es nicht bloß das Ergebnis einer Politik oder einiger geschichtlichen Entwicklungen sein, sondern hat möglicherweise eine tiefere Bedeutung. Für die Christen ist die Geschichte nicht neutral, sondern ein Feld durch das Gott zu uns Menschen spricht und seinen Willen äußert.

Nichts ist zufällig. Aber wie kann ich meinen türkischen Nachbarn tolerieren und sogar lieben, wenn er so laut ist, meinen indischen Nachbarin wenn sie so komische und schlecht riechende Sachen kocht, usw.?

 

Die Problematik der „unmöglichen Möglichkeit“ einen bestimmten Mensch zu lieben erfasst sehr genau Vater Alexander Schmemann, ein orthodoxer Pfarrer und Autor des zwanzigsten Jahrhunderts in einer seiner Predigten. «Die christliche Liebe ist die „unmögliche Möglichkeit“, in einem Menschen, wer er auch sei, Christus zu sehen. Diesen Menschen, den Gott in Seinem unerforschlichen und ewigen Plan in mein Leben, und sei es auch nur für wenige Augenblicke, geführt hat, hat Er nicht zu mir geführt, um mir Gelegenheit zu einer „guten Tat“ oder zu einem Akt der Menschenfreundlichkeit zu geben, sondern um in ihm selbst als Gott eine auf Ewigkeit angelegte Freundschaft zu begründen. Denn was ist die Liebe, wenn nicht jene geheimnisvolle, das Zufällige und Äußere des „Anderen“ –sein persönliches Erscheinungsbild, seinen sozialen Rang, seinen ethnischen Ursprung, seine intellektuellen Fähigkeiten –übersteigende Kraft, um zu seiner Seele vorzustoßen, als seiner einzigartigen und einzig-personalen „Wurzel“ seines menschlichen Seins, seiner wahrlich göttlichen Seite in ihm? Wenn Gott jeden Menschen liebt, so deshalb, weil Er allein diesen jeden Wert übersteigenden und absolut einzigartigen Schatz, „die Seele“ oder „das Person-Sein“, das er jedem Menschen geschenkt hat, kennt. Die christliche Liebe ist somit die Teilhabe an dieser göttlichen Kenntnis und die Gabe jener göttlichen Liebe. Es gibt keine „unpersönliche“ Liebe, weil die Liebe die wunderbare Entdeckung der „Person“ im „Menschen“ ist, des Personalen und Einzigartigen im Gemeinsamen und Allgemeinen. Es ist die Entdeckung dessen, was in jedem Menschen „liebenswert“ ist, was in ihm aus Gott kommt» (Auszug aus dem Buch von Vater Alexander Schmemann, Die Große Fastenzeit).

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Was uns fehlt, was unserer Gesellschaft fehlt ist genau diese „unmögliche Möglichkeit“ etwas zu tun was nicht durchschnittlich ist; es ist die wahre christliche Liebe, die unserer Gesellschaft fehlt. Und das ist unsere Mission als Christen in dieser Gesellschaft. Wenn wir für die christliche Werte und Traditionen kämpfen wollen, dann sollen wir das richtig tun. Und dafür gibt es nur ein Weg: dass wir sie in unserem Leben anwenden, egal was es uns kosten wird!

 

Was wir als Christen zur Integration der ausländischen Bevölkerung in der deutschen Gesellschaft beitragen könnten, wäre genau diese wahre christliche Sichtweise des „Anderen“, des „Ausländers“, dass wir in ihm ein Ebbenbild Gottes sehen könnten, dass wir seine einzigartige Person entdecken, die göttliche Seite seiner Person und dass wir an diese Seite glauben würden.

 

Die Umkehr, die Metanoia, beginnt in unserer Seele. Sie muss aber auch in Taten umgesetzt werden, damit sie eine wahre Umkehr ist. Die Gesellschaft braucht dringend mehr Menschlichkeit und mehr Zivilcourage. Bitte, INTEGRIEREN STATT IGNORIEREN [Das Motto der Woche]!